Kritik zu 150 Jahre Bruckners e-Moll-Messe


06.10.2019, Allgemein

Oberösterreichisches Volksblatt, 30. September 2019

Bruckner hätte sich auch jetzt gefreut

Seine e-moll Messe in einer Jubiläumsaufführung im Neuen Dom zum Gedenken an den „herrlichsten Lebenstag“ des großen Komponisten

Großräumige Gotteshäuser sind meist kein idealer Veranstaltungsort für Konzerte, es sei denn man hat ein denkwürdiges Jubiläum zu begehen, wie es am Sonntag im Mariendom der Fall war.

Zur Erinnerung an den 150. Jahrestag der Uraufführung 1869 von Bruckners e-moll Messe, die der Meister der Kirchenmusik über bischöflichen Auftrag zur Einweihung der Votivkapelle schrieb, setzte das Brucknerfest die drei Jahre vorher vollendete erste Fassung aufs Programm. Die zweite Version war übrigens schon beim Brucknerfest zu hören. Einen Vergleich anzustellen, darum ging es nicht, brauchte es auch gar nicht.

Vokal und instrumental auf höchstem Niveau

Bei der Begegnung mit dem Werk für achtstimmigen gemischten Chor und Bläser ohne Solisten WAB 27 war der unvermeidliche Nachhall in den voll besetzten Bankreihen hinzunehmen, wobei an der Qualität der Ausführenden nicht im Geringsten zu rühren ist. Als heimische, mit den Umständen bestens vertraute Kräfte musizierten sie vokal und instrumental auf hoch professionellem Niveau und gingen auch im Vortrag mit Einfühlung auf die raumbedingten Grenzen ein. Die sich halt ergeben durch verschwommene Klangschärfen bei fein abgestuften Weitsprüngen der Dynamik, in den Unisono-Passagen, den vorhandenen kühnen harmonischen Wendungen, der virtuos ablaufenden Chromatik. Aber die formtechnische Analyse der Messteile war eben nicht relevant für die geheiligte Herangehensweise.

Die Nähe zu Palestrina, zu den Kirchentonarten, ein Juwel der Harmoniemusik, war erkennbar, Bruckners modulierende Eigenheiten oder die bevorzugte Art des Stimmeneinsatzes festzumachen. Die gründliche herzbewegende Vorbereitung des Abends unter Domkapellmeister und Dirigent Josef Habringer sprach für die Leistungen aller Beteiligten. Mit seinem Hauschor ausgesuchter Stimmen im Dom vereinte sich der Hard-Chor, das Aushängeschild von Alexander Kollers weitläufiger Chortätigkeit.

Glanz an der Orgel, Strahlen der Bläser

An der Orgel glänzte der hauseigene Orgelmeister Wolfgang Kreuzhuber, ein Bläserensemble der Linzer Dommusik aus 15 Holz- und Blechblasinstrumenten lief zu strahlenden Höhen auf. Bruckners Konzertmesse in der Kirche! Ein meditatives Erlebnis, eine Hinwendung und Verbeugung vor dem genius loci auch für sein Sakralwerk.

Zum Einstimmen auf den Abend erklang Schuberts im liturgischen Gebrauch viel verwendete „Deutsche Messe“ D 872, Text von Johann Philipp Neumann, einmal — wie erfreulich — nicht im Ton eines Volksgesanges. Mit starkem Beifall wurden die Ausführenden belohnt.

 

Oberösterreichische Nachrichten, 1. Oktober 2019

150 Jahre nach Bruckners herrlichstem Lebenstag

Der Domchor Linz und der Hard-Chor führten Bruckners e-Moll-Messe im Linzer Mariendom auf

Auch wenn es beim Bau des Neuen Domes in Linz zu Verzögerungen kam und Bruckners für die Einweihung der Votivkapelle bereits 1866 komponierte Messe drei Jahre auf das große Ereignis warten musste, so erlebte Bruckner damit seinen ersten wirklich großen Erfolg, der ihm auch medial größte Anerkennung bescherte.

Tatsächlich vielleicht sein herrlichster Lebenstag für lange Zeit. Genau auf den Tag 150 Jahre später führten der Domchor Linz, der Hard-Chor (Einstudierung Alexander Koller) und das Bläserensemble der Linzer Dommusik unter Josef Habringer diese Messe am Sonntag im Mariendom auf.

Natürlich hat sich akustisch einiges verändert, denn die Uraufführung fand teilweise im Freien statt und nicht in einem Raum mit übermäßigem Nachhall, und die reine Bläserbesetzung, die Bruckner gewählt hatte, hat auch ihre Notwendigkeit verloren. Dennoch ist diese Messe, die mit ihren ausgedehnten A-cappella-Passagen an die klassische Vokalpolyphonie gemahnt und durchaus in der Tradition des Cäcilianismus steht, ein unglaublicher Kosmos, den die Aufführenden beeindruckend zum Leben erweckt haben. Die oft heiklen Anschlüsse und die in dieser Akustik ebenso herausfordernde Balance zwischen Bläsern und Sängern gelangen großartig, und so gestaltete Josef Habringer eine sehr beeindruckende und in allen Belangen stimmige Aufführung der ersten Fassung, die auch vor 150 Jahren erklang.

Beeindruckend auch Wolfgang Kreuzhuber, der zuvor über das Material der Messe improvisierte und dabei nicht nur die Tonart, sondern auch die polyphone und zugleich harmonisch dichte Faktur dieses Werkes mit unglaublicher Klangvielfalt und feiner Registrierung auslotete. Ebenso gekonnt die kleinen improvisierten Präludien zu Schuberts „Deutscher Messe“, die in der Bläserfassung den Abend einleitete.

Fazit: Ein höchst gelungenes Konzert, das zu Recht an Bruckners herrlichsten Lebenstag erinnerte. (Michael Wruss)