Kritik zu „AEC 2015 – Diaspora Maschine“ von 3.-6. September 2015


09.09.2015, Allgemein

Die Presse, Samstag 5. September 2015

Ars Electronica: Schrittgeschwindigkeit in Linzer Neustadt

Das Linzer Festival findet heuer in aufgelassenen Hallen der Post statt: In der – sehr gut besuchten – „Post City“ werden Fragen und Vorschläge zur Zukunft der Städte vorgestellt. Manchmal mit Antigravitation, oft mit Witz und Geist.

Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!“, schrieb Bert Brecht. Man darf ergänzen: Auf und aus ihren Trümmern wird man neue Städte bauen. Diesfalls nur eine temporäre Stadt: die (schön doppeldeutig benannte) „Post City“ der Ars Electronica, errichtet im aufgelassenen Post- und Pakete-Verteilzentrum beim Linzer Hauptbahnhof, 100.000 Quadratmeter Betonhallen mit dem Charme einer Tiefgarage. „Dieses Gebäude ist bereits Altstoff“, sagt Ars-Direktor Gerfried Stocker: Eine Nachnutzung ist nicht vorgesehen.

Ödland also. Die Innenarchitekten der Ars Electronica haben es begrünt, mit Sträuchern und Bäumen, so üppig und doch bescheiden, dass man sich mit ein wenig gutem Willen einbilden kann, sie hätten von selbst den Beton überwuchert. Die kargen Möbel sind nicht aus steinernem Schutt, aber aus geschreddertem Altpapier, gepresst zwischen Spanplatten, wohl noch bedruckt mit sinnlos gewordener Information.

„Schrittgeschwindigkeit beachten“: Auch dieses Schild hat seine Bedeutung verloren, niemand fährt mehr mit Kraftfahrzeugen durch diese Hallen. Aber die offenbar größte Attraktion für viele Menschen, die durch die Post City flanieren – passt das Wort in die schroffe Umgebung? –, ist das Auto F015, das Mercedes dort ausstellt. Es trägt den stolzen Untertitel „Luxury in Motion“ und sieht auch so aus, nach silbrig zur Schau gestelltem Luxus. Das kennt man. Neu ist, dass es ohne Fahrer auskommt, es orientiert sich selbst, fährt autonom. Dieser Fortschritt werde die Gesellschaft so verändern, wie das Auto sie einst verändert hat, meint Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher der Firma Daimler (zu der Mercedes gehört), beim Ars-Symposium. Das Wichtigste bei der Entwicklung solcher Roboter sei es, sich zu überlegen: Was wollen wir nicht automatisieren? Was überlassen wir besser den Menschen?

Wie sieht man Robotern in die Augen?

Von Roboterpsychologie sprach Martina Mara vom Future Lab der Ars Electronica – und riet, auf die Psyche der Menschen zu achten: Diesen sei es unheimlich, wenn Roboter wie Menschen aussehen. Aber man müsse etwa fragen: Welches Signal wird den Augenkontakt eines Fußgängers mit dem Autofahrer ersetzen?Interaktionen zwischen Mensch und Maschine werden im Verkehr der Zukunft allgegenwärtig sein. Der in einem Shared Space stattfinden wird: Darüber scheinen sich alle einig. Vom Diktat des Autos, das unsere Städte geformt hat, will keiner mehr etwas wissen. Dass die Straßen auch bei bester Automatisierung verstopft sein werden, wenn viele Menschen auf Luxury in Motion setzen, wird wohl bald klar werden.Wenige Meter neben dem Luxusauto, dem man nicht zu nahe kommen darf, parkt das „Fahrradi“ des Linzers Hannes Langeder: Es ist groß, rot und schnittig wie ein Ferrari, bedient sich aber einer anderen Technik, die sein Konstrukteur gravitätisch als „built-in antigravity engine“ bezeichnet. Schlichter gesagt: Man treibt es mit Pedalen. Und so besteht Langeder, der auch durchgesetzt hat, dass er damit auf der Straße fahren darf, darauf: „Fahrradi defines the future of motility.“
Es ist die Konfrontation von solchen klugen Narreteien und dem Techno-Philo-Slang, den sich die großen Firmen längst angeeignet haben, die die Ars Electronica so liebenswert macht. Und dass man manchmal nicht gleich weiß: Ist das jetzt Ernst oder Schmäh? Verrücktes Kunstprojekt oder entrückte Forschung? Über „antigravity“ liest man etwa auch in den Räumen der „Knowledge Capital“ Osaka. Dort kann man auch einen Baum bewundern, der auf den Herzschlag des Besuchers reagiert und in dessen Rhythmus die Beleuchtung der umliegenden Häuser flackern lässt. „What if we could add humanity to trees?“, fragt das Infoblatt, man möchte antworten: Das wird unseren Umweltschützern, wohl zu Recht, gar nicht gefallen…

Wie klingt das sechste Massensterben?

Manchmal weiß man auch bei Texten nicht, ob sie parodistisch gemeint sind. In einem aufliegenden Heft steht etwa: „Architektur als Text zu formulieren hat die Aufgabe, die darin behandelten Themenschwerpunkte durchscheinend und transparent zu behandeln.“ Und nachhaltig, emergent und resilient, kann man da nur hinzufügen.So streift man durch die Post City, trinkt Smoothies, isst Risotto, alles bio und nicht billig, rettet virtuell die Linzer Eisenbahnbrücke, lächelt über die Haut- und Graskleider von Dorota Sadovská, weint beinahe mit den „Teardrop Glasses“, hört bei „Myriads“, wie die von einem Computerprogramm in Musik übersetzten Emotionen der Linzer klingen. Nach Industrial Techno natürlich.So, aber höllisch präzise, klang auch „The Sixth Wave of Mass Extinction“, eine abendliche Performance im Keller der Post City, in der gigantischen Eisenbahnhalle. Bilder von toten Tieren und Architekturskizzen zuckten auf den Schirmen, Didi Bruckmayr steigerte sich in eine stimmliche Trance, wie nur er das kann. „Wir sind so viele“, skandierte er und deklamierte: „Nimm den Zug in den Westen und verwisch deine Spuren!“ Schließlich: „Game over.“ Ja, man kennt die apokalyptische Botschaft – wir sind Zerstörer und warten auf unsere Zerstörung –, aber in dieser brutalen Form wirkt sie noch immer.Auch ein imposanter Aufführungsraum: die „Spiral Falls“ vor den zwölf Meter hohen Wendelrutschen, auf denen einst Poststücke verteilt wurden. Dort führten Anatol Bogendorfer und Peter Androsch das sehr effektvoll aus eingängigen Chorälen, barock anmutenden Bläsersätzen und obsessivem Trommeln auf dem Blech der Rutschen gebaute Stück „Diaspora Maschine“ auf. Der Name und die Inszenierung suggerieren, dass Menschen – Flüchtlinge – genauso willenlos auf Länder verstreut werden. Doch am Ende siegt frischer, fast naiver Pionier-Optimismus: „Wir bauen eine neue Stadt. Das soll die allerschönste sein.“ Wird es eine Post City? (Thomas Kramar)