Kritik zu Bruckner und Schwertsik am 10. Oktober 2015


13.10.2015, Allgemein

Neues Volksblatt, 13. Oktober 2015

Bruckner meets Kurt Schwertsik

Der Wiener Komponist zum 80er beim „Musica sacra“-Auftakt im Alten Linzer Dom

Des Feierns war kein Ende am Samstag im prallvollen Alten Dom beim Auftakt der neuen „Musica sacra“- Saison. Zum einen wurde der bis 2016, zum 120. Todestag, reichende Bruckner-Zyklus mit einem fast vergessenen Werk des Meisters fortgesetzt. Zum anderen war Kurt Schwertsik aus Wien mit seinem Oratorium angereist, um auch in Linz nachträglich zum 80er am 25. Juni gefeiert zu werden.

Meisterstück des erst 30-jährigen Bruckner

Die „Missa solemnis“ (Messe WAB 29) von Bruckner reiht sich nur namentlich hinter die berühmtere von Beethoven, was nichts mit ihrer Bedeutung zu tun hat. Das Meisterstück des noch wenig geschulten 30-jährigen hat ihm die Aufnahme in Wien bei Simon Sechter eingebracht. Der Linzer Domchor hat das Werk einmal aufgeführt, aber das ist lange her.

Diesmal waren das Bruckner Orchester, der Hard-Chor, einstudiert von dem über Linz hinaus aufsteigenden Chormeister Alexander Koller, und die Solisten Ilja Vierlinger, Martha Hirschmann, Jan Petryka und Martin Achrainer mit Hingabe für die Messe engagiert und verhalfen ihr zu angemessenen Ehren.

Dass am Pult Marc Reibel für seinen verunfallten Orchesterchef Dennis Russell Davies eingesprungen ist und den Zusammenhalt des großen Apparates locker meisterte, spricht für die Vielseitigkeit des oft bewährten Landestheater-Kapellmeisters.

Mit Schwertsik betrat Reibel Neuland. Das für Linz mit Liebe arrangierte Geburtstagsgeschenk, der Sonnengesang „Fioretti per San Francesco“, war für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Ein schwieriges Stück hat Schwertsik da 2004 zum Oratorium gezimmert. Die farbige Instrumentierung ist beredter Ausdruck für die Stimmung von Leid, Schmerz, Unterdrückung und Ermahnung zum Sieg über sich selbst. Zudem glänzen die Chorsätze durch dynamische Kontrastwirkungen und ließen den Hard-Chor mit einer Parade-Leistung über sich hinauswachsen. Am Schluss gab es noch eine Überleitung für Orgel & Haiku, von der Empore betreut vom Leiter des Theater-Extrachores. Ein würdiger Ausklang genau von dort, wo einst Bruckner den Orgeldienst versah.

Großer Jubel für Schwertsik, der sich gerührt zeigte. (Georgina Szeless)

Oberösterreichische Nachrichten, 12. Oktober 2015

Unmittelbar packender Sonnengesang

Auftakt zur Reihe „Musica Sacra“ mit Bruckner Orchester und Hard Chor.

Im Alten Dom fand das erste Konzert mit dem Hard Chor unter Alexander Koller und dem Bruckner Orchester Linz statt. Marc Reibel ist für den verletzten Dennis Russell Davies eingesprungen und hat seine Sache sehr überzeugend gemacht. Auf dem Programm stand mit der „Missa solemnis in B-Dur“ Bruckners erstes Meisterwerk im Umgang mit Orchester, Chor und Solisten. Für die Solisten – Ilia Vierlinger, Martha Hirschmann, Jan Petryka und Martin Achrainer – sind die Aufgaben – meist nur kurze Einwürfe – nicht wirklich dankbar, dennoch boten die vier eine akkurate Leistung. Auch Chor und Orchester beeindruckten, wenngleich man viele Passagen noch eindringlicher, stringenter und musikalisch plastischer hätte gestalten können.Dafür gelang der anlässlich des 80. Geburtstags von Kurt Schwertsik aufs Programm gesetzte Sonnengesang „Fioretti per San Francesco“ umso packender. Das 2004 in Wien uraufgeführte Oratorium für Sopran- und Tenor-Solo, Chor und Orchester stellt Franz von Assisis hohe Lob auf die Schöpfung Gottes ins Zentrum.

Ein großartiges, urgewaltiges Stück, geschickt von Texten umrahmt, die auf Franziskus Bezug nehmen. So ein Spruch Walters von der Vogelweide, das biblische „Lied der Weisheit“, Angelus Silesius’ Gedicht „Der einzige Tag“, Andreas Gryphius’ „Betrachtung der Zeit“ und der alttestamentarische „Rat des Kohelet“, der in ein fulminantes Orgelpostludium – hervorragend von Martin Zeller interpretiert – mündet, auf dessen Schlusston der Chor ein Haiku von Matsuo Basho im Nichts verhauchend rezitiert.

Schwertsiks Musik ist aufgrund ihrer tonalen Sprache unmittelbar packend und trifft den Text minutiös. Diesen Tiefgang brachte Marc Reibel mit dem Bruckner Orchester und dem von Alexander Koller bestens studierten Hard Chor auf den Punkt. Ilia Vierlinger setzte gekonnt und sehr lyrisch das Lied der Weisheit um, Jan Petryka beeindruckte mit einem intensiv gestalteten, stimmlich sehr präsenten Sonnengesang. Viel Applaus für ein nicht alltägliches Programm. (Michael Wruss)

Kronen Zeitung, 12. Oktober 2015

Eindrucksvoller Start von musica sacra im Linzer Alten Dom mit Bruckners selten zu hörender „Missa solemnis“, einer großen Orchestermesse, stilistisch angeregt durch die festlichen Messen von Haydn und Mozart. Zum großen Ereignis entwickelte sich der Abend jedoch mit „Sonnengesang“ des Wiener Komponisten Kurt Schwertsik, ein teils vulkanös aufbrausendes, teils in träumerischer Meditation dahinfließendes Meisterwerk. Das unter Marc Reibel exzellent eingestellte Bruckner Orchester, der namentlich in den Sopranen glückhaft besetzte Hard-Chor (Alexander Koller) sowie die fabelhaften Solisten Ilia Vierlinger, Martha Hirschmann, Jan Petryka und Martin Achrainer sicherten einen brausenden Erfolg. (Balduin Sulzer)