Kritik zu „Kasimir und Karoline“ in Freistadt Juli 2012


16.07.2012, Allgemein

Neues Volksblatt, Montag 16. Juli 2012

In Feierlaune durch die Krise

Ödön von Horváth untersuchte in seinem Volksstück „Kasimir und Karoline“, inwieweit der Abbau eines Menschen aus der Arbeitswelt in seine soziale Umwelt wirkt: Karoline lässt den entlassenen Chauffeur Kasimir stehen und gibt sich am Oktoberfest mit anderen Männerbekanntschaften lustig. Wie dies für unsere Gegenwart namens „Krise“ zum frappierenden Abbild unseres Umgangs miteinander werden kann, zeigt das „kult-Festival“ in der Freistädter Messehalle. Diese mutiert zur Wiesn, auf der sich das Volk der bier- und gesangsgeschwängerten Feierlaune des Vergessens aller Alltagssorgen hingibt. Tina vom Wiesn-TV bedient die Sehnsucht, in ein paar Sekunden Fernsehauftritt berühmt zu werden, Peter und Paul sind die launigen Zeltmoderatoren.
Regisseur Ulf Dückelmann verknüpft Theater stets meisterlich mit Film. Mit Kameramann Clemens Bobbe führt er so dem Publikum Geschichten vor Augen, Kleinodien von Milieustudien bis hin zu großen Kinosequenzen. Dieses vielschichtig moralische Bild, das auf jede Figur der Geschichte genau schaut, führt summierend zur bitteren Erkenntnis als kräftige politische Anklage des Theaterabends: Es sind die kleinen Leute, deren prekäre Lebenssituation Politik und Wirtschaft erzeugen und sich auch noch zunutze machen. Der Kommerzienrat Rauch entsorgt Karoline wie einen Wegwerfartikel.Susanna Bihari balanciert diese Karoline über den Grat zwischen Selbstbestimmtheit und Naivität, von dem sie in die Falle Rauchs kippt, der sie (manipuliert) zur Wiesn- königin werden ließ. Anton Noori ist der in seinem Stolz verletzte Kasimir. Von der Wiesn-TV-Tina (Sissi Noé zeigt die Glätte dieses Jobs großartig) in einer Versöhnungsszene à la sozialpornografisches Nachmittagsfernsehen vorgeführt, versucht er dem Brüskiertwerden durch Gewalt zu entrinnen. Der Merkl Franz (Andreas Puehringer) will ihm diesen seinen Weg zeigen, er bezahlt mit seinem Leben. Jens Claßen spielt den Rauch als egoistisches verlogenes Kraftbündel. Der Abgeordnete Speer wird in Günter Giselher Krenners Darstellung zur Sozialstudie eines Mannes, dem die gegebene Macht die eigene Beziehungsarmut übertüncht. Rund um die Kellnerin Angelina (Melanie Gautiér) ist eine eigene berührende Geschichte entwickelt worden. Schürzinger (Karl Wenninger) und Erna (Maria Knierzinger) sind Figuren, die Halt zu bieten versuchen und darum kämpfen, nicht selbst in den Sog von Beziehungsabbau zu geraten. Zum Schluss bleibt Erna bei Kasimir, Schürzinger bietet Karoline eine Schulter.

Vor diesen Stimmen kniet man nieder

Famos für sich sind Sounddesign und Musik von Hans Christian Merten und dem 16-köpfigen Hard-Chor: ob Juanita singt, ob sie für Feststimmung sorgen, das „Playback“ für die Karaoke-Einlage liefern oder mit Stanzln wie im Chor der antiken Tragödie Rauchs Liebeswerben kommentieren — vor all diesen herrlichen Stimmen kniet man nieder.

Alles in allem: ein vielleicht etwas zu lange geratener und doch unbedingt sehenswerter Theaterabend! (Peter Klimitsch)

Oberösterreichische Nachrichten, Samstag 14. Juli 2012

Neue Wies’n-Atmoshäre für Kasimir und Karoline

Weißwurst und Bier, Dirndl und Lederhose. „O’zapft is!“ Die Messehalle Freistadt begüßt das Publikum in den bayrischen Landesfarben Weiß-Blau, man simuliert Oktoberfeststimmung.
Der Grund für die bajuwarische Folklore ist die Aufführung des Volksstücks „Kasimir und Karoline“ beim Mühlfestival :kult: (Premiere 12. Juli).
Ödön von Horváths Sozial- und Beziehungsdrama vom Kraftfahrer Kasimir, der seinen Arbeitsplatz verliert, und seiner Braut, der Büroangestellten Karoline, spielt im Jahr 1930. Der Wirtschaftskrise zum Trotz wird das Oktoberfest gefeiert, aber die Feierstimmung schlägt blitzschnell in Aggression um. Am Ende stehen enttäuschte Illusionen, entlarvte Menschen, zerbrochene Gliedmaßen und ebensolche Liebesbeziehungen.
Regisseur Ulf Dückelmann setzt ziemlich forsch auf Aktualisierung. Das bietet sich an. Das Oktoberfest gibt es mehr denn je, und eine handfeste Krise erleben wir derzeit auch wieder.
Dückelmann beseitigt die Grenzen zwischen Zuschauerraum und Bühne und erweitert Horváths Text durch zusätzliches Personal und mediale Inszenierungsformen der Gegenwart. Zwei Bierzelt-Entertainer (Johann Ruspeckhofer, Karl Hofer) verbreiten, was Spießer für Humor halten. Und die Moderatorin von „Wies’n-TV“ (hervorragend persifliert von Sissi Noé) nervt mit pseudofröhlichem Dauergezwitscher. Dückelmann und der Musiker Hans Christian Merten unterstreichen die wichtige, dramaturgische Funktion der Musik und verändern mit mutigem, modernisierendem Zugriff. Die Umsetzung gelingt dem Hard-Chor (Leitung Alexander Koller) sehr überzeugend.

Langweilig wird einem nicht in drei Stunden Aufführungszeit. Einwenden ließe sich, dass vom an sich Guten etwas zu viel aufgetragen wird. Ob es förderlich ist, eine weitere Bühnenfigur einzuführen (die Kellnerin mit Migrationshintergrund, dargestellt von Melanie Gautier), kann man bezweifeln. In Dückelmanns Version wird auch der eigentliche Plot ziemlich zerhackt, sodass die Spannungsbögen und die Nuancen der Sprache mitunter verloren gehen.Anton Noori ist als verhalten-hilfloser Kasimir überzeugend, Susanna Bihari eine recht gute Karoline, oszillierend zwischen Naivität und Durchtriebenheit. „Dem Merkl Franz seine Erna“ (Maria Knierzinger) wird ziemlich robust angelegt, wodurch die seelische Grausamkeit des Merkl (Andreas Pühringer) manchmal zu wenig transparent wird. Ein Opfer ist diese Erna nicht.Die Widerwärtigkeit der „hochkapitalistischen“ Wies’n-Freier Rauch und Speer spielen Jens Claßen und Günter Giselher Krenner genussvoll aus, Karl Wenninger die berechnende Schmierigkeit des Schürzinger. (Christian Schacherreiter)