Kritik zu „Kasimir und Karoline“ in Wien September 2012


24.09.2012, Allgemein

Der Standard, Dienstag 25. September 2012

Die Theatermacher der OIFT bauschen Ödön von Horváths Erzählung zum Oktoberfest-Ereignis auf

Wien grüßt München: Parallel zur jährlichen Supergaudi auf der Theresienwiese schlagen die Theatermacher der OIFT (Organisation für innovative Film- und Theaterprojekte) ihr Bierzelt in der Wiener Filmstadt der Rosenhügel-Studios auf. Gespielt wird Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“, ein Stück, das wegen seines Bezugs zur Finanzkrise dieser Tage häufig den Weg auf die Spielpläne findet.

Horváths Erzählung über ein Paar in der privaten Krise – Kasimir wurde “ abgebaut“ und fürchtet, seine Braut werde ihn deswegen verlassen – wird hier zum Großereignis aufgebauscht, die Zuschauer mit Massbier und Spinatstrudel bei bester Laune gehalten.Anton Noori (zupackend) und Susanna Bihari (meist mit überkreuzten Beinen) in den Titelrollen wurschteln sich halbwegs überzeugend durch das kollektive Raumchaos aus Festzeltgarnituren, Videoleinwand und Ausschank (Bühne: Wolfgang Schuster). Die Unternehmer Rauch (Jens Classen) und Speer (Günter Giselher Krenner) loben auf ihrer VIP-Tribühne die gelebte Demokratie. Sissi Noé schwirrt als Boulevardbienchen und „Wiesn TV“-Moderatorin zwischen den Bierbänken herum und prüft die Zuschauer auf ihr Gaudi-Potenzial.Die Idee, den ursprünglichen Prater-Schauplatz auf die Münchner Wiesn zu verlegen, ist nicht ganz neu (etwa in Ben von Grafensteins Verfilmung aus 2011). Regisseur Ulf Dückelmann lässt seine Darsteller konsequent Tracht tragen und Mundart sprechen und stellt ihnen den patenten Laienchor Hard-Chor zur Seite, dessen Liedgut zwar nicht ganz traditionskonform ist, aber stimmige Akzente setzt. Unstimmig wirken hingegen Bezüge zu anarchistischen Flugschriften von heute – traut man der zeitgenössischen Relevanz der Vorlage nicht? -, ebenso die peinlichen Liveübertragungen aus der Koks-Kabine.In Dückelmanns k. u. k. Adaption ist Horváth nicht in Topform; eher ein harmloser Theaterspaß, ein bisschen Wiesn-Ringelpietz mit Gefilmtwerden für alle Daheimgebliebenen. (ebi)

Die Presse, Montag 24. September 2012

Theater in der Filmstadt: „Kasimir und Karoline“ als penetrant bebilderte Oktoberfestshow: Verunglückt, trotz eines überwiegend professionellen Ensembles.

Das Stück zur Wirtschaftskrise, gleich mehrere Bühnen zeigen heuer Horváths „Kasimir und Karoline“. Allerdings, das Werk wird immer gern gespielt. Christoph Marthaler hat es mit Josef Bierbichler exemplarisch inszeniert. Im Volkstheater war es zu sehen, und bei den Sommerspielen in Perchtoldsdorf. 1931/32 begann Horváth mit der Arbeit. Es gibt mehrere Fassungen, jeden Satz scheint der Dichter in seinen Dramen zehnmal umgedreht zu haben, damit der typische lakonisch-melancholische Ton sitzt. Horváth wollte nach Hollywood, dort wäre er mit seiner Denkweise bestens angekommen. In Hollywood weiß man seit jeher, dass perfekte Dialoge, präzis im Ton, in der Diktion, im Dialekt, mit Natur, Realität wenig zu tun haben.
Der Oberösterreicher Ulf Dückelmann und sein Komponist Hans Christian Merten transferieren in der Filmstadt Wien am Rosenhügel „Kasimir und Karoline“ in die Gegenwart, was prinzipiell ein mutiger und richtiger Ansatz ist. Horváths Kunstdialoge und die Kunstvolksmusik von Hard-Chor ergänzen einander perfekt. Auch einige Schauspieler überzeugen: vor allem Susanna Bihari als naiv-kokette Karoline, die sich einfach nur amüsieren will und genug von ihrem misanthropischen Bruder Simpel Kasimir (Anton Noori) hat, der ihr mit seinen Grübeleien wohl schon auf die Nerven gegangen ist, bevor er seinen Job verloren hat.

Kokain und Sex auf der Toilette

Drei Stunden dauert die Aufführung in der Halle – und hier hat sich allerhand eingeschlichen, was bei diesem Stück pseudo-modern und wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge wirkt. Kommerzienrat Rauch und Landgerichtsdirektor Speer, im Original die Geldsäcke, sind hier zwei Konzernherren, die einander die Weltherrschaft streitig machen wollen. Als der eine nach einer Rauferei darniederliegt, plant der andere sofort ein Hostile Take-over. Das klingt originell, aber die zwei Herren schauen überhaupt nicht nach Upper-Economy aus, ebenso wenig wie Horváths Zuschneider Schürzinger sich zur Verwandlung in einen Physiker eignet, der an der Entwicklung eines Hybridzeppelins bastelt. Jens Classen als Rauch bleckt bei jeder Gelegenheit die Zähne wie ein furchterregender Krimibösewicht. Karl Wenninger als Schürzinger schlägt sich tapfer mit Binsenweisheiten durchs Leben – und Günter Giselher Krenner als Speer sieht aus wie ein bayerischer Oberstudienrat.

Letzterer lässt sich auf der Toilette von zwei Mädels einen blasen, keine Angst, man sieht es nur im Video, das an diesem Abend stark strapaziert wird. Ebenfalls im Video ziehen sich Rauch, Schürzinger und Karoline eine Kokainstrecke rein. Karoline wird hernach von Rauch im Kabriolett von hinten genommen. Alle diese drastischen Demonstrationen jener Realität, an der Horváths Liebespaar scheitert, sind ordinär, aber das ist nicht das Schlimmste. Am Theater sieht man ja heutzutage alles – und hat schon alles gesehen. Das Original wird einfach unter dem Motto Aktualisierung dreist zur Show verfremdet, wie man sie täglich im Fernsehen sieht. Da besteht eigentlich kein dringlicher Grund mehr, ins Theater zu gehen. „O’zapft is!“: Die Oktoberfest-Atmosphäre ist in jedem Augenblick präsent, nicht nur, weil am Buffet Weißwürste mit Händlmeier-Senf serviert werden, sondern auch, weil die Aufführung flächendeckend von „Wies’n-TV“ durch- und umspült wird, mit einer Talkshow samt fescher, blonder Moderatorin im Dirndl (Sissi Noé) und zwei „Wies’n-Originalen“ (Karl Hofer, Johann Ruspeckhofer), die diese typischen Witze erzählen, über die nur gelacht wird, weil es alle tun und alle schon überreichlich Bier intus haben. Dückelmann hat auch sonst allerlei hineingepackt in die Performance: Streit über Schönheitsoperationen, Ausländerthema, Prekariat.

Dass man dem Impuls zu flüchten widersteht, liegt an intimen Szenen zwischendurch, in denen sich das Stück durchaus authentisch ereignet: etwa bei der Annäherung von Kasimir und Erna (Maria Knierzinger), deren Freund, „Merkl Franz“, bei krummen Geschäften auf dem Parkplatz ertappt und erschossen wird. Bei der Premiere am Freitag war die schon zuvor nicht volle Halle nach der Pause halb leer. Dieses Theaterabenteuer – Horváth aus dem Guckkasten zu befreien – hat nicht wirklich funktioniert. (Barbara Petsch)